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Ein Mythos aus Samburu, Kenia.


Erstellt am 13.01.2006
Von Birgit Feger - Eftaxopoulos

Es war noch fast ganz dunkel. Zaghaft zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen hinter den Kitegorbergen. Und weit in der Ferne schimmerte eindrucksvoll der rötliche Tafelberg Ol Olokwe, der heilige Berg der Samburu.

Die Sonne würde bald aufgehen. Leise vor sich hintrötend, denn er wollte ja niemanden in der Manyatta stören, ging er auf das Dorf zu. Die Samburufrauen würden aufwachen und ihr reges Treiben würde die Stille verjagen. Sie würden die Feuer neu entfachen, die die ganze Nacht leise gebrannt hatten und deren Rauch einen eigentümlichen und heimischen Duft verbreiteten.

Das Feuer war wichtig, ebenso wichtig waren das richtige Holz und dessen Beschaffung. Die Feuer schützten vor den wilden Tieren, die manchmal versuchten den dornigen Zaun zu durchdringen, der das Dorf umgab, um eine Ziege zu reißen. Es wärmte die kleinen Kinder, die auf weichen Rinderfellen an ihre Mütter gekuschelt schliefen und träumten. Der Rauch vertrieb auch das lästige Ungeziefer.

Noch am Abend vorher war er am Dorf vorbeigekommen, er hatte viele zarte Kinderstimmen gehört, die im Dunkeln gemeinsam Lieder sangen, die schon ihre Mütter und deren Grosmütter gesungen hatten und von Generation zu Generation weitergegeben hatten. Lächelnd hörten die Frauen und die Ältesten dem Gesang zu.

Die Krieger erzählten einander von ihren Taten und schauten nach ihren Familien, bevor sie das Dorf wieder verließen. Denn sie untersagten sich, während ihrer Kriegerzeit vor Mitgliedern anderer Altersgruppen Nahrung aufzunehmen, oder zu trinken.

Der Elefant liebte diese ruhige und besinnliche Abendstimmung nach getanem Tagewerk.

Jetzt war er kaum zu sehen. Seine raue, feste Haut war vom Bad im Braunen Fluss, dem Waso Ngiro und der täglichen Sanddusche braunrot getönt und die Naturfarbe war schon tief in jede Hautfalte eingedrungen und getrocknet.

Seine großen Ohren hatten einmalige Falten, Furchen, Löcher und Zacken, die ihn unverwechselbar von seinen Brüdern unterschied. Noch bewegte er sie nicht, um sich frische Luft zuzufächeln.

Es war noch früh und nicht sehr warm. Auch waren die lästigen Fliegen noch nicht aufgetaucht.

Er setzte seinen schweren Füße sanft auf die Erde, und näherte sich nun fast lautlos der Siedlung. Er pustete leise durch seinen Rüssel, als er den rauchigen Duft, der über dem Manyatta hing, einatmete. Er war fast zu Hause.

Jeden Tag sammelte er viele Zweige und Äste. Feine trockene, um das Feuer in Gang zu bringen und stärkere, schwere, die es dann über Nacht am Brennen hielten. Manchmal waren die Äste noch etwas feucht, und in der Windstille hing der wolkige Rauch dann schwer über dem Feuer. So lange er denken konnte, hatte er, genau wie seine Vorfahren das Holz für die Samburufrauen gesammelt und ins Dorf gebracht.

Sie waren wie eine Familie, gehörten zusammen.

Die Samburu und die Elefanten hatten viel gemeinsam. Sie lebten in fest gefügten Gemeinschaften mit strengen Regeln, die seit ewigen Zeiten weiter gegeben wurden und sorgten für einander.

Die Söhne der Samburu, sowie die jungen Elefantenbullen verließen ihre Gemeinschaft, ihre Familie, wenn sie um 15 Jahre alt waren und zogen es vor im Verbund mit anderen Männern oder Elefantenbullen alleine für sich zu leben, zu sorgen,heranzuwachsen. Diese besondere Gemeinschaft machte sie selbstbewusst, mutig und stark und bereit für den Überlebenskampf und für ihre Pflichten.

Die Samburujungen wurden zu Kriegern, die sich stolz mit roter Farbe die Haare färbten, lang wachsen ließen und liebevoll gegenseitig zu unzähligen feinen Zöpfen flochten.

Sie schmückten sich mit feinen bunten Perlenschnüren, quer über den Brustkorb gehängt, engen Halsbändern, vielen Armreifen und Ringen. Alles von ihren Liebsten oder Müttern hergestellt. Oft trugen sie auch feine Umhänge, die sie wie wunderschöne, stolze Prinzen aussehen ließen. Sie trugen ihre langen und scharfen Messer in handgearbeiteten Hüllen an der Seite. Schlank, gerade und sehnig waren sie sehr beeindruckend.

Die jungen Krieger konnten auch mit ihren geschnitzten Feuerhölzern durch starke Reibung Feuer selbst entzünden. Diese Kunst wurde von einem Krieger an den anderen weitergegeben.

Die jungen Elefantenbullen waren auch auf sich gestellt und nicht mehr in der Mitte der Elefantenkühe geduldet. Sie suchten gemeinsam ein eigenes Leben zu führen, fern von der Herde. Stolz trugen sie ihre Stosszähne vor sich her, und schlugen mit den Ohren.

Ältere Elefantenbullen kümmerten sich um die jungen Bullen und beruhigten sie, wenn sie zu ungestüm in ihrem jugendlichen Leichtsinn waren. Der Respekt den älteren Elefantenbullen gegenüber war groß. In ihrer Mitte lernten sie sich zu beherrschen und nicht über die Stränge zu schlagen. Sie mussten sich ihrem Alter und Aufgaben entsprechend verhalten.

Der Elefant war stolz auf diese Samburukrieger, die doch genauso einsam und selbständig wie er lebten und erwachsen wurden, um dann nach langen Jahren zum Dorf oder zur Herde zurückzukehren, um ihren Platz in der Gemeinschaft wieder einzunehmen und ihre Bestimmung zu erfüllen.


Die Samburufrauen waren verantwortlich für ihr Dorf, den Haushalt und für die Kinder, aber auch für die Tiere, die im Kral lebten.

Selbständig und selbstbewusst erfüllten auch sie ihre Pflichten und stellten zudem bunte Ketten, Ringe und Schmuck her, nähten und verzierten ihre Wickelröcke, die Kikois, die sie sowie die Krieger kleideten und schmückten.

Besonders auffallend waren die kunstvoll in verschiedenen Mustern und Farben aufgezogenen Perlenreifen, die sie um den Hals trugen und die in ihrer beeindruckenden Breite auf den Schultern und der Brust auflagen. Ihr weicher wiegender Gang erinnerte an die Verbeugungen und Tänze der hoch wachsenden Grasbüschel, in denen sich der Wind fing.



Auch die Elefantenkühe waren Herrinnen über ihre Familien und bestimmten den Weg der Herde.

Die Frauen halfen sich gegenseitig bei der Aufzucht der Kinder, genauso wie die Elefantenkühe sich um alle Jungtiere in der Familie kümmerten und sie im Notfall schützten.

Er war stolz und gerührt über die Zugehörigkeit seines Rudels zu diesem Stamm. Sie waren eine Familie und gehörten zusammen.

Sie verstanden einander.

Heute hatte er einen besonders großen starken Baumstamm entdeckt, hatte ihn mit seinen starken Stosszähnen aufgehoben und mit seinem schweren Rüssel umschlungen.

Die Hütten hat fast die gleiche Farbe, wie die Erde im Manyatta, und so waren sie im Morgengrauen fast nicht zu erkennen. Dunkelbraun hoben sie sich kaum von der Umgebung ab. Er schaute sich um. Er war bald am Ziel. Der Stamm wog schwer und war unhandlich. Ganz anders als die Holz- und Reisigbündel, die er sonst mit brachte.

Auf seiner rauen Zunge lag noch der feine Geschmack der jungen Blätter,die er mit seinem Rüssel im Vorbeigehen abgezupft hatte. Der Morgentau hatte sie besonders köstlich schmecken lassen und er nickte zufrieden mit seinem Kopf und schlug mit den großen Ohren.

Nun drückte er sich vorsichtig durch die Öffnung im dornigen Schutzwall des Dorfes. Er drehte sich um zu der Hütte der Frau, der er das Holz bringen sollte. Er bückte sich leicht und schlüpfte sehr gewandt in die Hütte, die nur von der glühenden Asche erhellt wurde. Er legte den schweren Stamm nieder und schaute erwartungsvoll die Frau an.

Er blickte erschrocken in wütende Augen, die erregt glänzten.

Was für Holz ist denn das, schrie die Frau, was soll ich denn mit dem Stamm anfangen? Ich brauche kleine Zweige und feste Äste, was soll ich mit diesem Baumstamm nur anfangen? Der ist doch viel zu groß.

Der Elefant war im ersten Moment stumm, erstarrt in seinem Schrecken. Er konnte nicht glauben, was er hörte. Sie waren doch Freunde. Das Gezeter der Samburufrau ging aber weiter und weiter und wurde immer lauter und schriller. Die Samburufrau konnte sich nicht beruhigen, sie schrie und schimpfte und schlug mit dem Besen nach ihm.

Da erwachte sein natürlicher Stolz und dann konnte auch er sich nicht mehr beherrschen. Er trat gegen das Holz, drehte sich in der engen Hütte um sich selber und riss alles mit, was er berührte. Die silberfarbenen Töpfe und blank gescheuerten Pfannen schepperten mit lautem Krachen zu Boden.

In den benachbarten Hütten machte sich Unruhe breit. Noch nie hatten die Frauen einen solchen Lärm gehört. Sie rannten erschrocken aus ihren Hütten.

Ich werde nie wieder kommen und euch Holz bringen, trompetete der Elefant. Er drehte sich um und stürmte aus der Hütte, aus dem Dorf und hinterließ zerstörte Hütten und verständnislose Gesichter, die ihm ratlos, aber auch entsetzt nachblickten und machte sich wütend vor sich hintroetend auf den Weg zu seinem Rudel.




Er erzählte, was er erlebt hatte und von dem Tag an sind die Elefanten nie mehr zu der Samburufrauen zurückgekehrt. Die Elefanten fühlten sich einfach nicht mehr zugehörig zu dem Volk der Samburu. Sie gehörten nicht mehr zur selben Familie. Die Samburufrau war erschüttert, als sie erkannte, was sie getan hatte. Aber es konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Es war zu spät.

Seit dem sprechen die Elefanten nicht mehr die gleiche Sprache. Sie bleiben unter einander und halten sich von den Menschen fern. Wie auch immer, die Samburu lernten die Elefanten und ihre Art zu respektieren, zu hegen und zu lieben und bis heute haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, das sie eines Tages wieder Brüder sein werden.

 

 

 

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